Lernen zeigt sich manchmal ganz direkt im Verhalten: Kannst du laufen? Dann hast du es irgendwann gelernt. Weißt du, dass die Wurzel aus 49 sieben ist? Auch dieses Wissen musstest du dir aneignen. Solche Beispiele machen deutlich, dass der Lernprozess oft unsichtbar bleibt, während die Ergebnisse – die sogenannten Lernerfolge – klar erkennbar sind.
Doch nicht alles, was wir lernen, zeigt sich sofort in unserem Verhalten. Manchmal verändern wir unsere Werte oder Einstellungen, was wiederum beeinflusst, wie wir denken und handeln. In solchen Fällen führt Lernen nicht gleich zu sichtbaren Veränderungen, sondern erweitert unsere Möglichkeiten.
Diese Veränderung ist relativ dauerhaft:
Wenn ein kleines Kind es zufällig schafft, einen Bauklotz so auf einen anderen zu setzen, dass er nicht herunterfällt, heißt das noch lange nicht, dass es das Stapeln von Bauklötzen wirklich beherrscht. Vielleicht war es einfach nur Glück – möglicherweise ist es ihm zuvor schon hundert Mal misslungen. Wenn das Kind jedoch immer wieder erfolgreich stapelt, nicht nur mit Bauklötzen, sondern auch mit anderen Dingen wie Spielzeugautos, Klemmbausteinen usw. und diese Fähigkeit an verschiedenen Tagen, Orten und in unterschiedlichen Situationen zeigt, können wir sicher sein: Es hat das Stapeln gelernt.
Allerdings wird in der Definition bewusst von „relativ dauerhaft“ gesprochen, da es durchaus Wissen oder Verhaltensweisen gibt, die man zwar gelernt und beherrscht, solange man sie regelmäßig anwendet, die jedoch mit der Zeit verblassen können, wenn sie nicht mehr geübt werden.
Vielleicht haben Sie beispielsweise in der Schule Englisch gelernt und konnten sich damals fließend auf Englisch unterhalten. Nach vielen Jahren ohne Englischpraxis fällt Ihnen dies jedoch möglicherweise schwer. Sollten Sie jedoch nach England ziehen und Ihre Englischkenntnisse wieder auffrischen, würde Ihnen das deutlich leichter fallen als jemandem, der nie Englischunterricht hatte. In diesem Sinne kann man also auch dann von einer dauerhaften Veränderung sprechen, wenn bestimmte Fähigkeiten oder Kenntnisse vorübergehend „verschüttet“ sind.
Erfahrungen machen bedeutet, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten, zu speichern und darauf zu reagieren. Wir sprechen von einer Erfahrung, wenn wir beispielsweise etwas hören, lesen oder praktisch ausprobieren.
Nicht jede Verhaltensänderung beruht jedoch auf Erfahrung. Manche Veränderungen entstehen durch biologische Prozesse wie Alterung oder durch Schädigungen des Gehirns. Wenn eine ältere Person aufgrund einer beginnenden Demenz wiederholt die Namen ihrer Angehörigen verwechselt, handelt es sich zwar um eine dauerhafte Veränderung des Verhaltens oder der Verhaltensmöglichkeiten, jedoch nicht um einen Lernprozess, da diese Veränderung nicht erfahrungsbedingt ist.
Lernprozesse setzen häufig bestimmte Reifungsprozesse voraus. Ein neugeborenes Kind verfügt beispielsweise noch nicht über die körperlichen Voraussetzungen, um sofort laufen oder sprechen zu lernen – selbst intensives Üben oder Vormachen würde daran nichts ändern. Erst mit fortschreitender Entwicklung werden die notwendigen motorischen und kognitiven Fähigkeiten verfügbar, sodass Lernen in diesen Bereichen möglich wird.